Studie zu Corona-Protesten

In den europäischen Gesellschaften sind über den richtigen Umgang mit der Coronakrise politische Konflikte entstanden. Eine Minderheit der Bürger und Bürgerinnen zweifelt an der Angemessenheit der Freiheitsbeschränkungen zur Eindämmung der Pandemie. Vor allem das verordnete Tragen von Masken und die Einhaltung von Sicherheitsabständen werden in der Bewegung der Kritiker und Kritikerinnen der Massnahmen infrage gestellt.

In der Studie zu Corona-Protesten «Politische Soziologie der Corona-Proteste» werden am Fachbereich Soziologie an der Universität Basel die aktuellen Proteste in der Schweiz und in Deutschland empirisch untersucht. Ziel ist es, die Motivation, Werte und Überzeugungen der Kritiker und Kritikerinnen im Internet und den Teilnehmenden von Kundgebungen, Aktionen und Demonstrationen zu analysieren.

Studie zu Corona-Protesten

Über das Forschungsprojekt

Im Forschungsprojekt »Politische Soziologie der Corona-Proteste« vom 16.12.2020 werden am Institut für Soziologie an der Universität Basel die aktuellen Coronaproteste in der Schweiz und in Deutschland empirisch untersucht. Ziel der Untersuchung ist es, die Motivation, Werte und Überzeugungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an Kundgebungen, Aktionen und Demonstrationen, die sich gegen die coronabedingten Maßnahmen, wie zum Beispiel Maskenpflicht, richten, herauszuarbeiten. Das Forschungsprojekt nimmt damit eine wachsende Community und ihre Kritik an den bestehenden Maßnahmen in den Blick. Dafür wird u.a. ein direkter Kontakt mit den Beteiligten an Coronaprotesten aufgenommen, um ihre Sichtweise zu befragen und zu repräsentieren.

Methoden

Um diese neuen Proteste umfassend untersuchen zu können, wird im Forschungsprojekt ein empirischer Ansatz (Mixed-Methods) verfolgt. Dazu gehören folgende Methoden:

  • Quantitative Online-Umfrage: Mit einer quantitativen Online-Umfrage sollen möglichst viele Personen angesprochen werden, die durch dieses einfache Instrument ihre Motivation, Überzeugungen und persönliche Meinung kundtun können. Eine zuvor durchgeführte Recherche hat Themen, die mit den Coronaprotesten in Verbindung gebracht werden, erfasst. In die Umfrage wurden eine Reihe von Aussagen aufgenommen, die in den Medien über die Bewegung genannt werden. Die quantitative Untersuchung ist mittlerweile abgeschlossen. Die Ergebnisse werden in den nächsten Wochen ausgewertet und auf dieser Seite veröffentlicht.
  • Ethnographische Beobachtungen: Mittels ethnographischer Beobachtungen an Demonstrationen und Kundgebungen wird vor allem die Stimmung und die wichtigsten Themenfelder aufgenommen und anschließend beschrieben. Dazu gehören auch Gespräche mit den TeilnehmerInnen an Protesten vor Ort, um gleichzeitig das Anliegen des Forschungsprojekts bekannt zu machen.
  • Qualitative Interviews: In vertiefenden qualitativen Interviews werden einige TeilnehmerInnen dieser Proteste, aber auch SympathisantInnen, die bislang noch nicht auf Demonstrationen waren, befragt. Es werden offene Leitfadeninterviews geführt, die aufgenommen und im Anschluss transkribiert werden. Gemäß den Standards qualitativer Sozialforschung werden die Interviews strikt anonymisiert, das heißt, die Identität der Befragten ist im Nachhinein nicht festzustellen.
  • Dokumentenanalyse: Ein weiterer Fokus zielt auf bereits bestehende Dokumente wie zum Beispiel Flyer, Websites und Bücher, die in der Community der Coronaproteste als relevant angesehen werden. Damit soll ergänzend deutlich werden, welche Inhalte und Informationsquellen den TeilnehmerInnen an den Coronaprotesten zur Verfügung stehen und innerhalb der Community diskutiert werden.

Hintergrund der Untersuchung

Bei der Studie zu Corona-Protesten handelt sich um ein Forschungsprojekt am Institut für Soziologie an der Universität Basel unter der Leitung von Prof. Dr. Oliver Nachtwey, Dr. Robert Schäfer und Dr. Nadine Frei. Das Projekt ist am Arbeitsbereich von Prof. Dr. Oliver Nachtwey angesiedelt. Die erhobenen Daten werden nur für wissenschaftliche Zwecke verwendet und nicht an Dritte weitergegeben. Die Forschung folgt strengsten Kriterien des Datenschutzes.

Auswertung der Studie

Insgesamt wurden mehr als 1150 Fragebögen ausgefüllt. Der zugrundeliegende Fragebogen wurde anhand allgemein geltender Qualitätsstandards konzipiert und orientierte sich an erprobten Befragungsinstrumenten:
Der Fragebogen baute auf getesteten Item aus dem Institut für Protest- und Bewegungsforschung, dem Sozio-ökonomischen Panel und der Leipziger Autoritarismusstudie auf. Hinzu kamen neu entweickelte Items, die sich spezifisch auf die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen bezogen.

Es wurden mehrere Pre-Tests des Fragebogens u.a. auf einer Demonstration in Konstanz am 4.10.2020 durchgeführt. Die Feldzeit der Onlinebefragung betrug sechs Tage, vom 18.-24.11.2020. Bei der vorliegenden Auswertung handelt es sich allerdings um explorative Ergebnisse. Mit ihnen lässt sich ein Überblick über den Forschungsgegenstand und bestimmte Einstellungsmuster gewinnen, es kann jedoch kein Anspruch auf Repräsentativität erhoben werden.

Die Grundgesamtheit der Befragung bilden Personen, die zum Zeitpunkt der Befragung Mitglied in einer offenen Telegram-Gruppe waren, die direkt mit der politischen Szene der Corona-Kritiker/innen im Zusammenhang steht. Es wurden 200 Teilnehmer/innen zusammengetragen. In der Feldzeit wurde in allen Gruppen, die offen zugänglich waren, mindestens drei mal die Umfrage gepostet.

Bei den Feldrecherchen wurde festgestellt, dass viele Gruppen der Corona-Kritiker/innen sich transnational vernetzen und gezielt Demonstrationen an Orten wie Konstanz veranstalten, in denen eine länderübergreifende Mobilisierung möglich ist. Deshalb wurden auch Gruppen aus der Schweiz und (in geringerem Maße auch aus Österreich) mit in unsere Forschung einbezogen. Bei spezifischen Aspekten wie Parlamentswahlen weisen wir die nationalen Unterschiede aus.

Die Telegram-Chat-Gruppen, in denen effektiv Postings gemacht werden konnten, umfassten insgesamt 75.000 Teilnehmende, von denen jedoch viele mutmaßlich in mehreren Gruppen aktiv waren. Durch unser Verfahren des „Convenience Sampling“ konnten eine hohe Anzahl von Teilnehmenden (3700 Personen haben die erste Studie angeklickt) erreicht werden, allerdings ist zu wenig über die Grundgesamtheit, d.h. die Anzahl der aktiven Teilnehmer/innen in den Telegram-Gruppen bekannt.

Es konnte zudem nicht festgestellt werden, wie viele Personen in den Telegram-Gruppen unseren Link überhaupt wahrgenommen haben. Es ist davon auszugehen, dass viele Personen ihn nicht gesehen haben, da einige Gruppen durch ein sehr hohes Kommunikationsvolumen gekennzeichnet sind. Auch wurden die Links zu Studie teilweise geblockt. Eine Rücklaufquote ist somit nicht befriedigend bestimmbar.

Ferner wird davon ausgegangen, dass in den Untersuchungen zur Studie mehrere Faktoren einen Bias hervorrufen. Es ist anzunehmen, dass in der Gesamtpopulation der Kritiker/innen von Corona-Maßnahmen viele Personen öffentlichen Institutionen – wie etwa der Wirtschaft – skeptisch gegenüber stehen und deshalb an der Studie nicht teilgenommen haben. In einigen Gruppen wurde explizit vor der Teilnahme an der Studie gewarnt.

Unter Berücksichtigung aller Faktoren sind die Wissenschaftler jedoch überzeugt, durch die hohe Fallzahl wichtige Erkenntnisse über die Bewegung der Corona-Kritiker/innen gewonnen zu haben und damit einen Beitrag zur laufenden Diskussion über die neue Bewegung zu leisten.

Altersverteilung

Die Altersverteilung zeigt, dass ein Großteil (75%) der Befragten über 38 Jahre alt ist. Gerade junge Menschen sind schwach in der Umfrage vertreten. Nicht einmal 10% sind unter 30 Jahre alt. Die Verteilung der Altersgruppen ist jedoch fast normalverteilt – um einen Median von 48 Jahren.

Geschlecht

38,76% der Teilnemer war männlich, 60,19% weiblich und 1,05% mit einer selbstgewählten Bezeichnung.

Ausbildungsniveau

34% – Abgeschlossenes Studium (auch Bachelor)
31% – Fachhochschulreife, Abitur, Matura
21% – Realschulabschluss, POS, Mittlerer Bildungsabschluss
4% – Doktor, PhD
4% – Sonstiges
3% – Keinen
3% – Ohne Angaben

Beschäftigungssituation

35% Vollzeit
25% Selbstständig
22% Teilzeit
9% Rentner
6% Hausfrau
5% Studium
3% Erwerbslos

Wahlverhalten

Welche Partei wurde zuletzt gewählt?

23% Die Grünen
21% Andere
18% Die Linke
15% AfD
10% CDU / CSU
7% FDP
6% SPD

Welche Partei würden sie jetzt wählen?

61% Andere
27% AfD
6% FDP
5% Die Linke
1% Die Grünen
1% CDU / CSU
0% SPD

Fazit

Grundsätzlich widerlegt die Studie zu Corona-Protesten der Uni Basel das Bild der Corona-Kritiker welches durch TV und Printmedien vermittelt wird.
Zusammenfassend kann man sagen:

Aus der Mittelschicht, eher älter und akademisch gebildet – das sind die typischen Merkmale der Angehörigen der Protestbewegung gegen die Coronamassnahmen in Deutschland und der Schweiz. Die Gegner sind in sich heterogen, aber nach rechts offen und vom politischen System stark entfremdet

Quellen

https://osf.io/preprints/socarxiv/zyp3f/
https://soziologie.philhist.unibas.ch/de/professuren/professur-oliver-nachtwey-372/forschungsbereich-politische-soziologie/
https://www.unibas.ch/de/Aktuell/News/Uni-Research/Corona-Protestbewegung-steht-dem-etablierten-politischen-System-fern.html

Bewertung abgeben
[Total: 0 Average: 0]

Schreibe einen Kommentar

Scroll to Top